
Hydraulische Scheibenbremsen entlüften: Schritt-für-Schritt-Anleitung
Inhaltsverzeichnis
- Warum Luft in der Bremsleitung zum Problem wird
- Diese Werkzeuge und Materialien brauchst du
- Vorbereitung: So richtest du deinen Arbeitsplatz ein
- Der Entlüftungsvorgang im Detail
- Häufige Fehler
- Kontrolle und Funktionsprüfung nach dem Entlüften
- Besonderheiten verschiedener Bremssysteme
- Wann du die Werkstatt aufsuchen solltest
Wenn deine Bremse schwammig reagiert oder du den Hebel bis zum Lenker durchziehen musst, hat sich wahrscheinlich Luft im System angesammelt. Hydraulische Scheibenbremsen funktionieren nur dann zuverlässig, wenn die Bremsflüssigkeit frei von Luftblasen ist. Das Entlüften gehört zur regelmäßigen Wartung und lässt sich mit etwas Geduld selbst durchführen.
Warum Luft in der Bremsleitung zum Problem wird
Bremsflüssigkeit überträgt den Druck vom Bremshebel zu den Bremskolben. Luft lässt sich im Gegensatz zur Flüssigkeit komprimieren. Dadurch verpufft ein Teil deiner Handkraft wirkungslos im System. Die Bremskraft nimmt ab und der Druckpunkt verschwindet. Bei Abfahrten oder im dichten Verkehr wird das schnell gefährlich.
Luft gelangt auf verschiedenen Wegen ins System. Undichte Verbindungen an Verschraubungen oder poröse Dichtungen schaffen Eintrittspunkte. Auch beim Austausch von Bremsbelägen oder Leitungen dringt Luft ein. Manche Bremsflüssigkeiten ziehen zusätzlich Feuchtigkeit aus der Luft an, was langfristig die Bremsleistung beeinträchtigt.
Diese Werkzeuge und Materialien brauchst du
Für das Entlüften benötigst du spezielle Ausrüstung. Jeder Bremshersteller bietet eigene Entlüftungssets an, die perfekt auf das jeweilige System abgestimmt sind. Die Investition lohnt sich, wenn du regelmäßig selbst wartest.
Grundausstattung für das Entlüften:
- Entlüftungskit des Bremsherstellers (Shimano, SRAM, Magura, etc.)
- Passende Bremsflüssigkeit (DOT 4, DOT 5.1 oder Mineralöl)
- Torx-Schlüssel oder Inbusschlüssel
- Spritze mit Schlauch
- Auffangbehälter für alte Bremsflüssigkeit
- Saubere Lappen und Papiertücher
- Schutzbrille und Handschuhe
- Unterlegscheibe oder Distanzstück für Bremskolben
Achte unbedingt auf die richtige Bremsflüssigkeit. Shimano und Magura verwenden Mineralöl, SRAM setzt auf DOT-Flüssigkeit. Die beiden Typen darfst du niemals mischen. DOT-Flüssigkeit greift außerdem Lack und Gummi an. Deshalb solltest du besonders vorsichtig damit umgehen.
Vorbereitung: So richtest du deinen Arbeitsplatz ein
Ein sauberer Arbeitsbereich erleichtert dir die Arbeit erheblich. Stelle dein Fahrrad stabil in einen Montageständer. Falls du keinen Ständer besitzt, drehe das Rad um und lasse es auf Sattel und Lenker stehen. Dabei musst du allerdings aufpassen, dass keine Kratzer entstehen.
Lege alte Zeitungen oder Lappen unter den Arbeitsbereich. Bremsflüssigkeit hinterlässt hartnäckige Flecken auf dem Boden. Bringe den Bremshebel auf Höhe der Nabe oder leicht darunter. Diese Position erleichtert das Austreiben der Luftblasen nach oben.
Entferne das Laufrad und setze ein Distanzstück zwischen die Bremsbeläge. Sonst fahren die Kolben beim Betätigen des Hebels heraus. Reinige die Umgebung der Entlüftungsschraube gründlich. Schmutz darf auf keinen Fall ins System gelangen.
Der Entlüftungsvorgang im Detail
Die meisten Hersteller verwenden heute das Schwerkraft-Prinzip oder die Spritzenmethode. Bei Shimano füllst du die Spritze mit frischem Mineralöl und schließt sie am Bremssattel an. Eine zweite Spritze kommt an den Bremshebel. Durch vorsichtiges Drücken presst du die Flüssigkeit von unten nach oben durch das System.
Reihenfolge beim Entlüften nach der Spritzenmethode:
- Entlüftungsschraube am Bremshebel lösen (meist ein Viertel Umdrehung)
- Spritze mit Bremsflüssigkeit am Bremssattel anschließen
- Langsam und gleichmäßig Flüssigkeit nach oben drücken
- Luftblasen steigen zur Spritze am Bremshebel auf
- Hebel mehrmals betätigen, um letzte Luftreste zu mobilisieren
- Entlüftungsschraube schließen, sobald keine Blasen mehr aufsteigen
- Spritzen entfernen und Verschraubungen festziehen
Bei SRAM-Bremsen verwendest du das Bleeding-Edge-Tool am Hebel. Du drückst hier ebenfalls von unten nach oben. Magura setzt auf ein umgekehrtes System mit Druckausgleich. Die genaue Vorgehensweise findest du in der Anleitung deines Entlüftungskits.
Arbeite langsam und mit Gefühl. Zu schnelles Drücken erzeugt neue Luftblasen in der Flüssigkeit. Diese setzen sich dann im System fest. Klopfe während des Vorgangs leicht gegen Bremsleitung und Bremssattel. Dadurch lösen sich festsitzende Blasen.
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
Viele Probleme entstehen durch Ungeduld oder mangelnde Vorbereitung. Die Entlüftungsschraube am Hebel sitzt oft fest. Wende niemals rohe Gewalt an, sonst beschädigst du das Gewinde. Ein Tropfen Kriechöl hilft nach kurzer Einwirkzeit.
Verschüttete Bremsflüssigkeit musst du sofort aufwischen. Besonders DOT-Flüssigkeit beschädigt Bremsbeläge dauerhaft. Kontaminierte Beläge gehören in den Müll. Eine Reinigung bringt nichts, weil die Flüssigkeit tief in das Material einzieht.
Manche Bremsen benötigen mehrere Durchgänge. Lass dich davon nicht entmutigen. Schließe nach jedem Durchgang alle Verschraubungen und teste die Bremse. Der Druckpunkt sollte klar definiert sein und der Hebel darf nicht schwammig reagieren.
Kontrolle und Funktionsprüfung nach dem Entlüften
Baue das Laufrad wieder ein und drehe den Bremshebel mehrmals kräftig durch. Der Druckpunkt muss nach etwa einem Drittel des Hebelwegs spürbar sein. Rolle ein paar Meter und bremse mit unterschiedlicher Kraft. Die Bremse sollte gleichmäßig und ohne Schwammigkeit zupacken.
Überprüfe alle Verschraubungen auf Dichtheit. An den Anschlüssen darf keine Flüssigkeit austreten. Kontrolliere besonders die Entlüftungsschraube am Bremshebel. Diese Stelle bleibt oft eine Schwachstelle.
Checkliste für die Funktionsprüfung:
| Prüfpunkt | Sollzustand |
|---|---|
| Hebelweg | Maximal zwei Drittel bis zum Lenker |
| Druckpunkt | Klar definiert, nicht schwammig |
| Bremsleistung | Gleichmäßig an beiden Rädern |
| Verschraubungen | Trocken, keine Leckagen |
| Bremsbeläge | Sauber, keine Flüssigkeitsspuren |
Sollte die Bremse immer noch nicht richtig funktionieren, wiederhole den Entlüftungsvorgang. Manchmal verstecken sich hartnäckige Luftblasen an Stellen, die du beim ersten Durchgang nicht erwischt hast.
Wartungsintervalle und Bremsflüssigkeitswechsel
Entlüfte deine Bremsen mindestens einmal jährlich. Bei intensiver Nutzung oder häufigen Fahrten im Gelände verkürzt sich das Intervall. DOT-Flüssigkeit altert schneller als Mineralöl, weil sie Wasser anzieht. Nach etwa zwei Jahren solltest du die komplette Flüssigkeit austauschen.
Achte auf Warnsignale deiner Bremse. Ein zunehmend langer Hebelweg deutet auf Luft im System hin. Quietschende Geräusche beim Bremsen können verschiedene Ursachen haben. Manchmal hilft schon das Reinigen der Bremsscheibe, manchmal brauchst du neue Beläge.
Die Farbe der Bremsflüssigkeit verrät dir viel über ihren Zustand. Frisches Mineralöl ist klar und leicht gelblich. DOT 4 oder DOT 5.1 erscheinen bernsteinfarben. Dunkle, trübe Flüssigkeit hat ihre besten Tage hinter sich. Dann wird es Zeit für einen kompletten Wechsel.
Besonderheiten verschiedener Bremssysteme
Shimano-Bremsen gelten als anfängerfreundlich beim Entlüften. Das Mineralöl verzeiht kleine Fehler. Du kannst die Bremse auch ohne Spezialwerkzeug provisorisch entlüften, indem du den Hebel pumpst und die Entlüftungsschraube kurz öffnest.
SRAM verwendet DOT-Flüssigkeit und ein Druckausgleichssystem. Das Bleeding-Edge-Tool am Hebel nimmt überschüssige Flüssigkeit auf. Bei diesen Bremsen musst du besonders auf Sauberkeit achten. Schon kleinste Verunreinigungen stören die Funktion.
Magura-Bremsen arbeiten ebenfalls mit Mineralöl, nutzen aber ein eigenes System. Hier entlüftest du oft am Ausgleichsbehälter direkt am Bremshebel. Der Vorgang ähnelt dem bei Motorrädern. Einige Modelle haben einen roten Entlüftungsknopf, der den Prozess vereinfacht.
Wann du die Werkstatt aufsuchen solltest
Nicht jedes Problem lässt sich zu Hause lösen. Beschädigte Dichtungen oder verzogene Bremsscheiben gehören in professionelle Hände. Auch wenn du nach mehreren Entlüftungsversuchen keinen befriedigenden Druckpunkt erreichst, sollte ein Fachmann einen Blick darauf werfen.
Undichte Bremsleitungen erkennst du an Flüssigkeitsflecken unter der Isolierung. Tausche solche Leitungen umgehend aus. Mit defekten Bremsleitungen darfst du auf keinen Fall weiterfahren. Das Risiko eines Totalausfalls ist zu groß.
Hydraulische Scheibenbremsen brauchen regelmäßige Pflege. Dafür belohnen sie dich mit hervorragender Bremsleistung und Zuverlässigkeit. Das Entlüften mag anfangs kompliziert erscheinen, wird aber mit jedem Mal einfacher. Nimm dir Zeit für die Arbeit und befolge die Herstelleranweisungen. Dann hast du lange Freude an deinen Bremsen.