Das Sitzrohr, auch Sattelrohr genannt, ist das senkrecht verlaufende Rohr im Fahrradrahmen, das das Tretlagergehäuse unten mit der Sattelklemmung oben verbindet. In seinem Inneren steckt die Sattelstütze, die die Sitzhöhe bestimmt. Länge und Winkel des Sitzrohrs sind zwei der wichtigsten Geometriemaße eines Rahmens und beeinflussen direkt, wie ein Fahrer auf dem Bike sitzt.
Die Sitzrohrlänge ist das traditionelle Maß für die Rahmengröße und wird in Zentimetern oder Zoll angegeben, gemessen vom Tretlagermittelpunkt bis zur Oberkante des Sitzrohrs. Bei modernen Mountainbikes hat dieses Maß an Bedeutung verloren, weil viele Hersteller kurze Sitzrohre mit langem Reach kombinieren.
Relevant geworden ist stattdessen die effektive Sitzrohrlänge: Sie beschreibt den Abstand vom Tretlagermittelpunkt zur Satteloberfläche entlang der Sitzrohrachse und berücksichtigt damit die tatsächlich nutzbare Länge inklusive herausgezogener Sattelstütze. Dieses Maß ist besonders beim Vergleich von Rahmen unterschiedlicher Hersteller hilfreich.
Bei Rennrädern und Trekkingbikes bleibt die Sitzrohrlänge ein zentrales Auswahlkriterium. Wichtig für den Kauf: Das Sitzrohr muss lang genug sein, damit die Sattelstütze ausreichend tief eingesteckt werden kann. Die meisten Hersteller markieren eine Mindesteinschubtiefe auf der Sattelstütze. Wird diese unterschritten, besteht Bruchgefahr an der Klemmstelle.
Die Sitzrohrlänge wird vom Mittelpunkt des Tretlagers bis zur Oberkante des Rohrs gemessen, entweder entlang des Rohrs (tatsächliche Länge) oder senkrecht zur Bodenlinie (horizontale Projektion). Hersteller verwenden unterschiedliche Messpunkte, weshalb Rahmengrößen zwischen Marken nicht direkt vergleichbar sind. Das Geometrieblatt des jeweiligen Modells ist die verlässlichste Quelle.
Als grobe Orientierung gilt die Schrittlänge als Ausgangspunkt. Bei Rennrädern multipliziert man die Schrittlänge in Zentimetern mit dem Faktor 0,67, um die ungefähre Sitzrohrlänge zu ermitteln. Bei Mountainbikes ist dieser Ansatz weniger zuverlässig, weil die Rahmenwahl dort stärker vom Reach und Stack abhängt als von der Sitzrohrlänge. Viele Hersteller bieten online Rahmengrößenrechner an, die mehrere Körpermaße kombinieren.
Der Sitzrohrwinkel beschreibt, wie stark das Sitzrohr von der Senkrechten abweicht, gemessen in Grad. Er beeinflusst, wo der Fahrer relativ zum Tretlager sitzt:
| Winkel | Sitzposition | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Steil (75 bis 78 Grad) | Knie über dem Pedal, kraftvoller Tritt | Rennrad, Cross-Country-MTB |
| Mittel (73 bis 75 Grad) | Ausgewogene Position | Trekking, Gravel, Enduro |
| Flach (unter 73 Grad) | Fahrer sitzt weiter hinten | Ältere MTB-Geometrien, Komforträder |
Moderne Trail- und Enduro-Mountainbikes haben in den vergangenen Jahren steilere Sitzrohrwinkel bekommen, oft 76 bis 78 Grad. Ein steiler Winkel platziert den Fahrer über dem Tretlager, was bei langen Anstiegen die Kraftübertragung verbessert und das Vorderrad besser belädt. Die Sitzposition lässt sich zusätzlich durch Vor- und Zurückschieben der Sattelstütze und Anpassen des Sattelwinkels feinjustieren.
Der Innendurchmesser des Sitzrohrs bestimmt, welche Sattelstütze passt. Gängige Maße:
| Durchmesser | Typischer Einsatz |
|---|---|
| 27,2 Millimeter | Klassischer Standard, viele Rennräder und ältere MTBs |
| 30,9 Millimeter | Moderne MTBs und Gravelbikes |
| 31,6 Millimeter | Modernes MTB, weitverbreitet |
| 34,9 Millimeter | Ältere Mountainbikes |
Wer eine neue Sattelstütze oder eine Dropper-Post nachrüsten will, muss den Innendurchmesser des Sitzrohrs kennen, nicht den Außendurchmesser. Bei Carbonrahmen ist der Sitzrohrdurchmesser oft nicht standardisiert und herstellerspezifisch. Hier immer die genauen Angaben aus den technischen Daten des Rahmens nutzen.
Das Sitzrohr ist über Schweißnähte oder Muffen mit Oberrohr, Unterrohr und den Sitzstreben verbunden. Diese Knotenpunkte sind die am stärksten belasteten Stellen im Rahmen, weil hier Kräfte aus mehreren Richtungen zusammenkommen. Bei Carbonrahmen sind diese Übergänge oft verstärkt und als separate Laminate aufgebaut.
Am unteren Ende mündet das Sitzrohr ins Tretlagergehäuse. Dessen Breite und Standard, etwa BSA, PF30 oder T47, sind unabhängig vom Sitzrohrdurchmesser und müssen separat bei der Komponentenwahl berücksichtigt werden.